zooschweiz - Verein wissenschaftlich geleiteter zoologischer Gärten der Schweiz
zoosuisse - Association des parcs zoologiques suisses gérés de façon scientifique

Wie funktioniert eine Wiederansiedlung?

Für die Wiederansiedlung des Waldrapps werden jährlich bis zu 32 Vögel per Hand aufgezogen und anschliessend mit Hilfe eines Ultraleichtfluggerätes in das Wintergebiet in der Toskana geführt. Hierfür werden die Waldrappküken in Zoos von ihren biologischen Eltern ausgebrütet, und im Alter von 3 bis 8 Tagen aus dem Nest entnommen. Ab diesem Moment werden sie ausschliesslich von ihren beiden Zieheltern aufgezogen und betreut. Durch einen intensiven Kontakt zwischen den Bezugspersonen und den Nestlingen entsteht eine soziale Bindung, welche für das spätere Training essenziell ist. Neben den Fütterungen zählt vor allem Sozialkontakt zu den Hauptaufgaben, um eine bestmögliche Prägung auf die Zieheltern zu gewährleisten. Bereits während der ersten Wochen werden die Jungvögel auf den Lockruf „Kommt kommt Waldis, kommt kommt“ konditioniert. Dieser Ruf dient später dazu, die Vögel an das Fluggerät zu gewöhnen.

Fütterung der jungen Waldrappen durch eine Ziehmutter. Foto: Zupanc/Tiergarten Schöbrunn Wien

 

Während der Nestlingsphase findet die Handaufzucht in einem Container statt. In Österreich steht der Container im Tiergarten Schönbrunn in Wien. Dort können Besucher die Arbeit der Zieheltern durch Fenster beobachten und werden vor Ort über das Projekt informiert. Um eine Gewöhnung der Jungvögel an den Menschen generell zu vermeiden, ist der Kontakt zu den Vögeln ausschliesslich auf die Zieheltern beschränkt. Ende Mai, bevor die Jungvögel flügge werden, erfolgt der Umzug ins Trainingscamp. Dieses befindet sich seit 2017 in Überlingen-Hödingen (Bodenseeraum, auf deutschem Gebiet), wo die Vögel in einer Voliere gehalten werden. Für das Flugtraining, welches drei- bis viermal pro Woche stattfindet, verlassen die Jungvögel gemeinsam mit ihren Zieheltern die Voliere. Corona-bedingt fand 2020 kein Training und begleitete Migration der Jungvögel nach Italien statt. 2021 wird eine Migration vom Raum Salzburg aus durchgeführt. Voraussichtlich ab 2022 soll das Projekt in Überlingen weitergeführt werden. 2021 haben zum ersten Mal Waldrappe, die aus der Toskana zurückgekehrt sind, in Überlingen in einer künstlichen Brutwand gebrütet!

Mit diesen Leichtfluggeräten fliegt die Ziehmutter mit den Jungvögeln über die Alpen nach Italien. Foto: Roger Graf

 

Nachdem die jungen Waldrappe an das Fluggerät gewöhnt wurden, müssen sie lernen diesem auch in unbekannte Gebiete zu folgen. Die zurückgelegte Strecke wird dabei langsam ausgedehnt und beträgt am Ende bis zu 70 km pro Flug. Nach etwa zwei Monaten Training beginnt bereits Mitte August die menschengeführte Migration in die südliche Toskana. Die etwa 900 km lange Strecke wird in mehreren Etappen zurückgelegt, wobei eine Tagesetappe bis zu 200 km betragen kann. In der Toskana angekommen, verbleiben die Vögel bis zu drei Jahre dort und kehren spätestens mit Eintritt der Geschlechtsreife selbständig zurück in das Brutgebiet, welches sich in unmittelbarer Nähe des Trainingscamps befindet. Dort finden die Waldrappe geeignete Felsnischen, um zu Brüten und ihre Jungen grosszuziehen. Diese folgen den erfahrenen Erwachsenen im Herbst ins Wintergebiet, und verbringen dort mehrere Jahre, bis sie selbständig wieder ins Brutgebiet migrieren.

Geplanter Wiederansiedlungsstandort in Überlingen (Bodensee). Foto: Roger Graf